Nov. 2020 / Eigentlich

Bräuchte ich ein Beispiel für nichtdummes Deutschsein, dann würde ich auf Fidel Bastro verweisen und das Vierteljahrhundert an trockenem und einsilbigem Humor dort in Hamburg: Hrubesch Youth, Knochen=Girl, Potato Fritz, Fröbe, Halb, Stau, Sport, Tschilp. Mitten drin auch Ilse Lau und Diametrics als deren 2/3-Spin-off in Gestalt von Drummer Henning Bosse und Bassmann Thomas Fokke. Mit Von Wegen und Preposterous zeitigte diese Bremer Schule seither weitere Konstrukte aus Komplexität, Lakonie und Melancholie, allesamt tauglich für Leistungskurse in Mathematik und überdeutsche Freundschaftskunde. "Eigentlich" setzt das fort mit einerseits 'Über Umständen', 'Wombat' und 'Zweimeterphose' und andererseits 'Insuffizienz', 'Flug der Tapire' und 'Gerta', aber vor allem mit Fiete Pankoks Gitarre. Denn echt wird dieser Rock nur mit Gitarre. Ihn mit Post- zu verbinden oder mit Links- wäre beides nicht unrichtig, aber das Eigentliche ist der Eigensinn. Der aus der Musik selber herrührt, nicht aus den Egos, aus Musik, die in ihren Spiralarmen SST und City Slang mit eindreht, mit hanseatischem Understatement und nicht nur wortkarg, sondern ohne Worte. Wobei es durchaus knattert und die Gitarre mit breiter Brust den Weg bahnt. Ostinat und beweglich genug, sich nicht aufhalten zu lassen. Repetitiver Nachdruck gehört zu den Basics und ebenso eine enthusiastische Systematik, die im voraus schon grinst, weil ihr dieser in Fleisch und Blut übergegangene evolutionäre Vorsprung Sicherheit gibt. Wenn das 6 Minuten dauert, dann dauert es eben 6 Minuten. Die Metamorphose macht keine Sprünge und doch schlagen die Spannungs- und Tempowechsel Kapriolen. 'Insuffizienz' stanzt Morsezeichen, die Gitarre schimmert stereo, bevor auch sie besonders energisch das Stakkato diktiert. 'Tapire im Flug' sind Brummer, die sich tremolierend und mit kraftvollem Bass in der Luft halten, kaum abgelenkt durch feinen Klingklang. Luftiger dreht sich die Gitarre bei 'Gerta', nein, es sind, zwei, von denen die eine zu sirren beginnt, während der knurrige Bass den Drehwurm weiter antreibt, der sich mit repetiertem Stakkato weiter dreht. Damit können die Bremer sogar Sonar Konkurrenz machen, als kernige Variante mit euphorischem Drive. [BA 108 rbd]

Nov. 2020 / Eigentlich

Es gibt Bands, die gefallen bereits vorm Reinhören. Zum Beispiel IM GRUNDE GENOMMEN aus Bremen, die ihre Debütplatte zwar nur auf Vinyl (mit Downloadcode) veröffentlichen, sich aber dennoch die Mühe machen, Promo-Exemplare auf hübschen CD-Rohlinge in Vinyl-Optik zu brennen, in handgemachte Digipaks zu verpacken und sonstige Infos auf Siebdruck und in Form von Polaroids beizulegen. Da stellt sich ja fast die Frage, ob diese Promoexemplare nicht sogar begehrter sein dürften als die auf 206 Exemplare limitierten Vinyls.
Aber was wäre die Optik, wenn letztendlich die Musik nicht stimmte? Doch auch hier kann das Trio vollkommen überzeugen mit einer schönen Mischung aus Noise, Postcore und Math Rock. Im ersten Moment fühlte ich mich an BARRA HEAD erinnert, kurze Zeit später kamen mir SHOKEI, MEDICATIONS, die recht unbekannten TRIPOLIS und natürlich die viel zitierten Referenzbands von AmRep in den Sinn. Doch IM GRUNDE GENOMMEN können nicht nur laut, sie lassen sich auch Zeit für Postrock-artige Songaufbauten, die sich erst langsam entwickeln („Gerta“). Es hat mich anfangs ein wenig enttäuscht, dass das Trio auf Gesang verzichtet, doch bereits beim ersten Hördurchlauf fiel auf, dass ihre Musik spannend genug ist, um auch ohne einen Sänger zu bestehen. Dass sie die sechs Songs von „Eigentlich“ live eingespielt haben, unterstreicht den DIY-Charakter, den die Jungs einfach im Blut zu haben scheinen. Scheiß drauf, dass man die Gitarre ein My besser hätte stimmen können oder dass das Schlagzeug in den schnellen Passagen eine Millisekunde hinterherläuft. Am Ende bewirken diese unsauberen Feinheiten, dass eine Platte eben nicht glattgebügelt, sondern geil klingt. Wenn man zu guter Letzt noch auf einem authentischen Label wie Fidel Bastro veröffentlicht, kann man den Jungs nur gratulieren. Alles richtig gemacht, bitte genauso weitermachen!

Nov. 2020 / Eigentlich

Sometimes music works like a time machine. Take for instance Im Grunde Genommen, a noisy instrumental post rock trio whose debut album Eigentlich – which ironically is a synonym for the band name - has been released digitally on Bandcamp and as a very limited vinyl edition with a screen printed cover by Luxembourgish artist Jeff Hemmer, who used to play in the early 2000s in bands like Carefree and afurnishedsoul, but later relocated to Bremen in Germany where he works as a graphic artist. Which is how this truly special vinyl record found its way back to Luxembourg.

Im Grunde Genommen haven’t been born yesterday. From the late nineties to the mid aughts, two of the musicians were in indie rock band Ilse Lau who released a couple of albums on the Northern German noise rock label Fidel Bastro. Then they released an album as Diametrics, and now have finally arrived at their newest setup. Usually instrumental post rock performed solely on guitar, bass and drums can be quite tedious, and when, as is the case here, the music has been recorded live at home, there might even be sound issues to worry about. But fortunately, Im Grunde Genommen have strong roots in the nineties and are taking inspiration from bands and labels that started it all. This makes Eigentlich a very authentic sounding record that catapults you straight back into a more innocent pre-Internet era. This attitude might also explain why you find this trio only on their own homepage and Bandcamp presence, and not on Facebook and streaming platforms.

The album is divided into two halves, with the A-side more or less containing the more straightforward material. The opener Unter Umständen is the only track below four minutes and pleases with its strong bass line, melodic drumming and varied guitar playing. The following Wombat is a little more psychedelic, but it’s only with Zweimeterphose, which concludes the first half, that we get also a first highlight. The guitar is omnipresent, the bass guitar doesn’t hide in the background, and the drums are filling it all up from behind. At times this reminds me of Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, if they had been an instrumental outfit.

The B-side begins with the somewhat reluctant Insuffizienz which has some nice guitar parts and a hypnotic rhythm, but pales before what follows. Flug der Tapire starts out slowly enough but then sees the musicians venturing into doomy territory, which works really well for them. The album concludes with the ten-minute long epic Gerta which comes with a mellow three-minute introduction before adding steam, allowing the musicians to jam through the different parts of this behemoth.

So yes, the quality of the recording may not be up to the standards of a modern audience used to hi-fi perfection, but it all sounds highly authentic. Maybe the bass guitar is a little loud and the guitar could at times have more presence, but in the end, when I close my eyes, I feel like being back in my early twenties again, standing in a sweaty club and listening to live music that comes from the heart. And as right now it is hard to get that sensation, considering how we are living in the middle of a pandemic, isn’t this the next best thing? Let’s hope that Im Grunde Genommen will stay with us for a long time.